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Pädagogik

Das Mittelstufenkonzept

I. Pädagogische Überlegungen zur Mittelstufe

Der Übergang von der Klassenlehrerzeit zur Oberstufe ist für die Schüler ein großer Schritt. In der Regel acht Jahre lang jeden Morgen im Hauptunterricht dasselbe vertraute Gesicht, der Klassenlehrer. Dann, am ersten Tag der neunten Klasse, ein „neues“ Gesicht. Die Schüler kennen den neuen Lehrer vom Sehen oder von Vertretungsstunden. Dennoch ist eine Fremdheit oder Distanz gegenüber den nun eintretenden Verhältnissen da, und zudem wechseln die Lehrer auch noch in fast jedem Fach. Um den Übergang in die Oberstufe für die Schüler organischer zu gestalten, haben wir uns in Ottersberg für ein neues Mittelstufenkonzept entschieden.

Nicht erst mit Rüdiger Iwans Buch “Die neue Waldorfschule - Ein Erfolgsmodell wird renoviert“ ist Bewegung in den Reformwillen der Schulen gekommen. Die Waldorfpädagogik war von Beginn an angetreten, die Erneuerung der Erziehung in den Mittelpunkt zu stellen. Erneuerung und Umgestaltung gehören dazu, will man das Schulleben nicht einschlafen lassen.

Rudolf Steiner hat dies 1924 folgendermaßen ausgedrückt:
„Wir reden hier viel vom Waldorfschulprinzip, von neuer Pädagogik. Das Wichtigste ist, dass man im Wachstum bleibt. Jeden Tag ist die Gefahr vorhanden, dass die Dinge sauer werden. – Das ist es, worauf es ankommt, dass man nicht vom Kleben an den Gewohnheiten einschläft, wenn man etwas tun soll, etwas bereiten soll.“
(GA 217a, S.184f.)

Im Kollegium haben wir, auch inspiriert von den oben erwähnten Gedanken, die Frage aufgeworfen: Ist das Prinzip des Klassenlehrers, der bis zur 8.Klasse im Hauptunterricht tätig ist, noch zeitgemäß – können wir den immensen Veränderungen, die die Kinder in dieser Zeit durchlaufen, in angemessener Weise begegnen?

Die Kinder werden ja im Regelfall mit sechs Jahren eingeschult. Den meisten Kindern sind nun die seelischen Fähigkeiten erwachsen, mit denen wir als Lehrer in der Schule arbeiten können. In der 8.Klasse hat dann bei den Schülern eine sehr bedeutsame leibliche und seelische Entwicklung stattgefunden. Damit ist nicht nur gemeint, dass die Jugendlichen nun etliche neue Fähigkeiten hinzugewonnen hätten, sondern es wurde eine „vollständige Umwendung der menschlichen Natur (…) von innen nach außen“ vollzogen.
(GA 306, 19.4.1923)

An den Lehrer stellt diese Tatsache besondere Ansprüche: Auch er kann im Laufe der acht Jahre nicht der Unterrichtende bleiben, der er in den ersten Jahren der Klassenlehrerschaft war. Auch er muss sich verwandeln, um den großen Umgestaltungen der Schüler gerecht zu werden.

Sicher gibt es Lehrerpersönlichkeiten, die dies leisten können. Hier, an unserer Schule, haben wir uns nach einem intensiven pädagogischen Austausch dafür entschieden, diese bedeutende Aufgabe auf verschiedene Schultern eines Mittelstufenkollegiums zu verteilen.

Ein weiterer Aspekt für das Ende der Klassenlehrerschaft nach sechs Jahren ist der Gedanke gewesen, dass die Schüler ihren Lehrer deutlich stärker als Fachmann wahrnehmen sollen.

Wer sich einmal den Epochenplan der siebten und achten Klasse anschaut, wird schnell merken, welches Fächerspektrum der Klassenlehrer abdecken muss. Neben Deutsch und Geschichte, Mathematik, Physik, Chemie und Biologie, Erdkunde und Astronomie soll er auch ein guter Theaterregisseur sein. Um all diese Aufgaben bewältigen zu können, wird der Lehrer nun in der neu geordneten Mittelstufe seine Fächer, die er studiert hat oder die er sich in besonderer Weise erarbeitet hat, unterrichten.

„Kein Lehrer kann irgendeinem Jungen oder Mädchen in Wahrheit ein Wissen überliefern, wenn nicht in diesem jungen Menschen die empfindende Überzeugung gereift ist: Der kann etwas.“ (GA 217, S.135)

Damit wollen wir auch dem Rechnung tragen, dass der Lehrer der Mittelstufe nicht mehr so sehr durch die Verehrungskräfte getragen wird, die die jungen Schüler ihm entgegenbringen, sondern dass seine Position sich jetzt in erster Linie auf seine fachlichen Kenntnisse und Kompetenzen stützen muss.

Und natürlich möchten wir Lehrer, dass der Übergang von der Mittelstufe zur Oberstufe ein bewusst gestalteter Übergang wird und kein Wechsel mit unliebsamen Überraschungen.

von Jutta Hapke

II. Die Ausgestaltung der Mittelstufe

Das Mittelstufenkonzept, wie es jetzt an unserer Schule eingerichtet ist, gibt es schon seit fast 20 Jahren, z. B. an der Waldorfschule Engelberg. Gemeinsam mit zwei Kollegen habe ich vor 11 Jahren die Mittelstufe in München-Ismaning aufgebaut; dort konnte ich bereits viele positive Rückmeldungen aus der Oberstufe sammeln. Und die ersten Anfänge der neuen Mittelstufe an der Ottersberger Schule liegen ebenfalls schon zwei Jahre zurück: Die damalige Pilotklasse ist jetzt in der 9. Klasse und somit im letzten Mittelstufenjahr angekommen.

Drei KlassenlehrerInnen, Jutta Hapke (6. Klasse), Marita Renken (9. Klasse) und Stefan Eichler (8. Klasse), sind zusammen mit den Fachlehrern als Kollegium in der Mittelstufe tätig.

Das Mittelstufenmodell umfasst die Klassen 7 bis 9. Nach dem 6. Schuljahr findet der Wechsel in die Mittelstufe statt. Eine/r der oben genannten Mittelstufenlehrer/innen übernimmt die 7. Klasse und führt sie bis zum Ende der 9. Klasse.

Im Schuljahr gibt es zehn Epochen, von denen in der 7. Klasse der Klassenlehrer sieben Epochen und die Übstunden erteilt, während drei Epochen von anderen Mittelstufen- bzw. von Oberstufenlehrern unterrichtet werden. Der Anteil der nicht vom Klassenlehrer erteilten „Fremdepochen“ nimmt in den Folgeklassen ständig zu: In der 8. Klasse sind es vier bis fünf, in der 9. Klasse sind es acht; der Klassenlehrer gibt dann nur noch zwei Epochen zusätzlich zu den Übstunden, so dass der Großteil der Epochen bereits von den Oberstufenkollegen übernommen wird. In der Mittelstufe kommen neue Epochenfächer mit zusätzlichen Unterrichtsinhalten hinzu, z.B. Chemie und Theater, und in allen Fächern wächst der inhaltliche Anspruch stark an. Während früher der Klassenlehrer die Chemieepoche nur alle acht Jahre vorbereiten und unterrichten musste, ermöglicht es die Mittelstufe dem Lehrer, sich intensiver in die einzelnen Fachgebiete einzuarbeiten, die er dann aufbauend und kontinuierlich in der 7., 8. und 9. Klasse unterrichtet. Diese neue Situation bringt den Mittelstufenlehrern mehr Möglichkeiten, mehr Freiheit und mehr Sicherheit bei der Unterrichtsplanung und –durchführung und damit mehr Gelassenheit im Umgang mit den Schülern.

Für die Schüler bedeutet der schrittweise zunehmende Lehrerwechsel von Epoche zu Epoche:

  • neue interessante Situationen zu erleben
  • neu gestaltete Arbeitsabläufe und –methoden zu erproben
  • neue Lehrerpersönlichkeiten kennen zu lernen

Die Schüler der 9. Klasse formulierten den Wechsel in die Mittelstufe wie folgt:

„Der Übergang zur Mittelstufe war wohl das Beste, was uns passieren konnte. Es brachte Leben in die Klasse.“

„Durch die neuen Lehrer und Fächer bekamen wir wieder mehr Motivation.“

„Ich fand die neuen Lehrer gut, so konnte man sich schon etwas an die kommende Oberstufe gewöhnen.“

Die Fachlehrer sind beim Übergang in die Mittelstufe besonders stark eingebunden, denn oft sind sie das „Altvertraute“, das die Schüler beim Lehrerwechsel „mitnehmen“.
Die Lehrer der Mittelstufe müssen gemeinsam um dieses neue Modell bemüht sein. Es müssen regelmäßige Mittelstufenkonferenzen stattfinden, um die Unterrichtsinhalte, Strukturen, Klassen- und Schülersituationen anzuschauen, zu besprechen und zu verbessern. Dieses bedeutet für die Lehrer einerseits zwar mehr Zeitaufwand, andererseits aber auch Arbeitserleichterung im Unterricht und höhere Schülerzufriedenheit.

Die Mittelstufe ist und bleibt ein anstrengendes Arbeitsfeld, die Entwicklung der Kinder zu Jugendlichen erfolgreich zu begleiten und zu fördern, erfordert viel Kraft und Einfühlungsvermögen, sowohl von den Eltern als auch von den Lehrern. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern ist deshalb sehr wichtig.

Der Übergang von der Mittelstufe in die Oberstufe gestaltet sich wesentlich einfacher, da die Schüler bereits einige Oberstufenlehrer und ihre Unterrichtsstile kennen.

Bisher war es oft so, dass die Schüler der 9. Klassen nach den gut behüteten acht Jahren Klassenlehrerzeit das Gefühl hatten, in ein „großes schwarzes Loch zu fallen“. Alles ist neu und unbekannt: die Klassenbetreuer, die Oberstufenlehrer, die Fächer und die Räumlichkeiten.

Die Oberstufenlehrer beklagten sich über mangelnde Disziplin, wenig Lernbereitschaft und unordentliche Klassenräume.

Die Mittelstufe tritt dem entgegen, denn die Schüler werden auch in der 9. Klasse weiterhin vom Klassenlehrer begleitet. Die Oberstufenlehrer sind den Schülern bereits aus der 7. und 8. Klasse vertraut. So können sich die Schüler ganz auf das Lernen konzentrieren.

Auch die „Prägung“ der Klassen durch den Klassenlehrer wird in der Mittelstufe stark vermindert, da die Schüler verschiedene Lehrerpersönlichkeiten bereits wahrnehmen konnten.

Die Oberstufenlehrer empfinden die Mittelstufenschüler in der 9. Klasse als aktiv und lernbereit.

Meine Erfahrungen mit dem Mittelstufenmodell, sowohl in München wie auch jetzt in Ottersberg, bestätigen mir, dass wir - die Mittelstufenkollegen und die Schüler - auf einem guten Weg sind.

von Marita Renken

Allgemeiner Lehrplan

Hier finden Sie einen allgemeinen Lehrplan an Waldorfschulen in schematischer Form.