Oberstufenreform

05. November 2008

Baustelle Oberstufe

Tempora mutantur et nos mutamur in illis – natürlich, schon die sprichwörtlich alten Römer wussten es: Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit (oder in) ihnen.

Daher kann es nicht Wunder nehmen, dass wir seit gut einem Jahr dabei sind, unsere Oberstufe zu verändern, ihr eine konzeptionell neue Gestalt zu geben, die den Erfordernissen der sich wandelnden Zeit und den damit einhergehenden veränderten Bedürfnissen der Oberstufenschülerinnen und -schüler gerechter wird als die althergebrachte bisherige Form. Dieser Reformprozess wird in der Rubrik Schulentwicklung von Wieland Nord detaillierter dargestellt. Hier soll es darum gehen, einige pädagogische Leitlinien zu erläutern, die hinter den konkreten Veränderungsüberlegungen stehen und diese bestimmen.

In der individuellen Entwicklung eines Menschen gibt es wohl keine Zeit größerer innerer und äußerer Veränderungen als die Zeit der Pubertät und Adoleszenz, die Zeit des Umbaus und des Umbruchs vom Kindsein zum Erwachsenwerden, der im dritten Jahrsiebt zwischen dem 13./14. und dem 21. Lebensjahr stattfindet. Für mehr oder weniger lange Zeit ergibt sich da oft die Situation, dass man als Lehrer und Eltern gegenüber den Jugendlichen das Gefühl hat: Alle Zugänge sind dicht gemacht, draußen hängt ein Schild Wegen Umbau geschlossen – Zutritt verboten. Nur noch fremdartige Geräusche und bisweilen heftiger Baulärm, gelegentlich explosionsartig, dringen nach außen, als ob der ganze Bau inwendig entkernt würde und nur die Außenwände vorerst erhalten blieben.

Was geschieht da eigentlich?

Es ist die ungleichzeitige, widersprüchliche, z.T. vielleicht sogar gegenläufige Entwicklung der biologischen Geschlechtsreifung (Pubertät) einerseits und des seelischen Reifeprozesses der eigenständig werden wollenden Gefühls- und Urteilskräfte (Adoleszenz, „Geburt des Astralleibes“ in anthroposophischer Terminologie) andererseits, die zu einem Gefühl tiefer innerer Zerrissenheit im Jugendlichen führt: Die alte vertraute Welt der fraglosen Geborgenheit in der Familie, der Kinderfreundschaften, der Gruppenzugehörigkeiten funktioniert plötzlich nicht mehr, bricht teilweise oder gar ganz weg und Neues ist noch nicht da, was an die Stelle des verlorenen Alten treten könnte – eine Situation, die man vielleicht mit dem mythischen Bild der Götterdämmerung der nordischen Mythologie in Beziehung setzen kann: eine Zeit des Kampfes, geprägt von der tragischen Grundstimmung des Weltenbrandes, in dem entweder alles ins Nichts stürzt oder aus dem eine neue Welt und ein neuer Mensch strahlend hervorgeht.

In dieser Situation kommt es pädagogisch darauf an, mit der Ichkraft des Erwachsenen bei der Erziehung des Gefühls- und Empfindungslebens zu helfen, damit sich daran die eigenständige Ichkraft des Jugendlichen bilden und stärken kann, so dass es diesem gelingen kann, die Beziehung zwischen seiner Innenwelt und der Außenwelt neu zu gestalten, geistig-seelisch im Urteilen und willensmäßig im Handeln. Urteilsfähigkeit und Arbeitsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein (d.h. die Fähigkeit, auf die Fragen, welche die Welt dem jungen Menschen stellt und in Zukunft stellen wird, auf möglichst sicherer Urteilsgrundlage die sachgemäß richtigen Antworten zu geben) und Pflichtbewusstsein (d. h. die Fähigkeit, das als richtig Erkannte zu wollen und mit Durchhaltekraft gegen Widerstände umzusetzen) sind also entscheidende Bildungs- oder Entwicklungsziele, auf die eine Oberstufenpädagogik hinarbeiten muss. Sie muss den Schülerinnen und Schülern dabei helfen, dass sie:
  • vertraut werden mit der Erde und den Aufgaben, die sie stellt,
  • die Welt in ihrer Horizonte erweiternden Vielfalt kennen lernen,
  • ihre eigene Individualität entdecken.

Motto für Oberstufenklassen

Daraus lässt sich für jede Oberstufenklasse ein Motto entwickeln, unter dem die pädagogische Arbeit idealtypisch stehen sollte:
  • 9. Klasse: vom Gefühlsurteil zum Verstandesurteil
  • 10. Klasse: Objektivität im Denken, d.h. analytisches Erkennen von Gesetzmäßigkeiten der Welt, Erkenntnissicherheit erleben – voll bewusster Bürger dieser Erde werden
  • 11. Klasse: Objektivität im Fühlen, Urteilsfähigkeit im Seelischen entwickeln (= Gesetzmäßigkeiten des Sozialen erkennen)
  • 12. Klasse: Qualitäten erfassen, innere Bezüge herstellen, synthetisch ideenschaffend vorgehen, Teil-Ganzes-Beziehungen in ihren Rückkopplungen denken (Mensch – Natur, Mensch – Gesellschaft)

Man erkennt leicht, wie darin ein Weg des zunehmenden Selbstständigwerdens der geistig-seelischen Kräfte beschrieben ist, der sein Ziel im Ideal der freien Eigenständigkeit des Ichs findet.
Die Frage ist nun: Welche konkrete Gestalt braucht eine Oberstufe, um der Erreichung dieses idealen Ziels möglichst nahe zu kommen? Bei der Suche nach einer Antwort war uns schnell klar: Wenn die Oberstufenzeit in besonderem Maße eine Zeit der Veränderung und Entwicklung ist, bei der es auf Ausbildung größtmöglicher Selbstständigkeit des Ichs ankommt, dann brauchen wir Freiräume der Beweglichkeit, dann brauchen wir Bausteine, mit denen jede Schülerin und jeder Schüler auf dem festen Fundament eines für jede und jeden gleichen Sockelangebots seine persönliche Entwicklungsbaustelle nach ihren bzw. seinen individuellen Erfordernissen und Zielsetzungen auch selbst gestalten kann.

Dies ist der Kern der Oberstufenentwicklung, die auf drei Säulen beruht: Die erste Säule ist der Pflichtbereich, bestehend a) aus „Waldorfessentials“, die wir für unverzichtbar für jede Waldorfschülerin und jeden Waldorfschüler halten, und b) aus dem, was zur Erreichung der staatlichen Schulabschlüsse notwendig ist; die zweite Säule umfasst einen Wahlpflichtbereich, in dem sowohl neigungs- und begabungsbezogene als auch abschlussbezogene Schwerpunktbildung möglich ist; die dritte Säule enthält vertiefende zusätzliche Angebote, die je nach Neigung und Fähigkeit frei wählbar sind. Konsequenzen dieses 3-Säulen-Modells sind natürlich eine veränderte Zeitstruktur einerseits, andererseits aber auch weitere flankierende und stützende Maßnahmen der Qualitätsentwicklung, die ich im Rahmen dieses Artikels im Einzelnen nicht näher erläutern kann.

So weit also die Idee, die hinter und in dem breit angelegten Reformvorhaben steckt. Nun ist aber klar, und das sei zum Schluss keineswegs verschwiegen: Jede Idee, sobald sie sich in ihrer elfenhaft- makellosen Reinheit anschickt, ihre schöne geistige Heimat zu verlassen und in die Realität hinabzusteigen, wird, wenn sie im rauen Gestrüpp der Wirklichkeit ankommt, Kratzer, Blessuren und Beulen davontragen – wir müssen also schauen, wie wir diese Idee unter den realen Bedingungen unserer kleinen einzügigen Schule mit begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen konkret umsetzen können. Davon aber zu einer anderen Zeit und an einer anderen Stelle.